Junge Rebellen – 5 schwule Kurzfilme

Gleich der erste Film, ein 35 Minuten-Streifen aus den USA, ist es wert, dass man die DVD kauft. "Bugcrush", der Debütfilm von Carter Smith, ist nicht nur wunderschön fotografiert, er steckt auch voller Suspense und wartet mit einer unglaublichen schauspielerischen Leistung der beiden jungen Hauptdarsteller auf.

Das grosse Talent des jungen Filmemachers, der sich normalerweise als Modefotograf sein Geld verdient, stach auch Roberta Munroe sofort ins filmische Auge. Als Programmverantwortliche für Kurzfilme der Internationalen Filmfestspiele Sundance setzte sie sich - unmittelbar nachdem sie den noch unfertigen Film gesehen hatte - mit Carter Smith in Verbindung, um sicher zu gehen, dass er den Film rechtzeitig zum Festivalstart fertig bekommen würde. Carter Smith konnte es kaum glauben, hatte er doch von einem winzigen Hoffnungsschimmer getrieben, den noch nicht postproduzierten Film auf DVD gebrannt und am letzten Tag der Anmeldefrist nach Sundance geschickt. "Bugcrush" erzählt auf eine ungewöhnliche Weise, aber im Stil der großen Meister des Suspense, eine unheimliche Geschichte, die auf einer Novelle von Scott Treleaven basiert. "Der Moment als ich diese Geschichte zum ersten Mal las, hat sich so angefühlt, als hätte mich ein Bus angefahren", sagt Carter Smith über die erste Begegnung mit den beiden Highschool-Jungen Ben und Grant. "Und ich wußte: Das ist der Film, den nur ich so machen kann, ich muss diesen Film drehen."

Gesagt, getan. Carter stürzte sich trotz seiner Fotojobs mitten in die Arbeit. Gelungen ist ihm ein kleines filmisches 35mm-Highlight, das auf sehr viel mehr hoffen lässt. Auch Roberta Munroe und ihr Kollege Mike Plante schienen Carter Smith dieses große filmische Talent zuzutrauen, als sie die Entwicklung der Rough Cuts von "Bugcrush" zum Final Cut miterlebten. Sie gaben Carter Smith daraufhin eine große Chance, die nur wenigen zuteil wird: Sie boten ihm die Teilnahme an der Drehbuchwerkstatt von Sundance an, wo er zusammen mit Dennis Cooper sein erstes Drehbuch für einen abendfüllenden Spielfilm schrieb. In Sundance gewann sein Film "Bugcrush" übrigens den Award für den Besten Kurzfilm. Das Publikum war hingerissen. "Bugcrush" deutet an, dass Carter Smith in der Lage wäre, einen Film zu schaffen, der die unterschwellige Unheimlichkeit und Bedrohlichkeit eines David Lynch-Films, das gruselige Unterbewußte eines David Cronenberg-Films, die ruhige Überlegenheit eines Alfred Hitchcock-Films und die Modernität eines Francois Ozon-Films haben könnte. In "Bugcrush" verliebt sich der schüchterne Ben in Grant, den gut aussehenden, unheimlichen Aussenseiter seiner Schule. Er beginnt ihm zu folgen, versucht Kontakt mit ihm aufzunehmen, bis Grant ihn eines Tages mit zu sich nach Hause nimmt. Doch was Ben dort erwartet, hätte er sich nicht in seinen kühnsten und schrecklichsten Träumen vorstellen können...

Aus den anderen vier Kurzfilmen sticht nur noch der französische 15-Minüter "Baby Shark" heraus, bei dem der junge französische Regisseur Pascal-Alex Vincent Regie führte. Jung, wild, kompromisslos, schnell, absurd und eindringlich. Das Setting und die Schnelligkeit wie in einem japanischen Manga. Wenn man weiß, dass Manga nichts anderes als zwangloses, ungezügeltes Bild bedeutet und Vincent nach seinem Studium der Filmgeschichte in Paris für einen Verleih arbeitete, der ausschliesslich japanische Filme im Programm hatte, wundert man sich nicht mehr über den filmischen Look: "Baby Shark" ist ein filmisch übersetzter Manga, der in der Skateboard-Szene angesiedelt ist, mit einer ungewöhnlichen Kameraführung, a-rhythmisch und symmetrisch zugleich. Die Geschichte - schnelllebig und verworren - wird so erzählt wie sie sich im Kopf eines Teenagers anfühlt, der gerade mit seinen Gefühlen nicht mehr klar kommt, die erste Liebe entdeckt, zugleich glücklich und unglücklich ist.

Vincent drehte seinen ersten Kurzfilm vor sechs Jahren, 2002 wurde er beim renommierten Kurzfilmfestival in Oberhausen für den besten Jugendfilm ausgezeichnet (Far West), seitdem sind fünf weitere Filme entstanden, der letzte in Co-Produktion mit Deutschland ("On the backtop").

Die anderen drei Filme sind eine nette Beigabe, mehr leider nicht: Der britische Beitrag auf der DVD, "Attack" von Timothy Smith, ist schnell durchschaubar und spielt zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger, auch wenn das Thema - politisch betrachtet - nicht genug thematisiert werden kann: Steve schlägt einen Neonazi nieder. Der hat vorher zwei seiner schwarzen Freunde angegriffen. Scheinbar. Doch je weiter man die Geschichte zurückverfolgt, desto mehr wird deutlich, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. "Querfeldein" vom deutschen Jungregisseur Hanno Olderdissen hat nicht genug Kraft. Hätte Olderdissen die Geschichte, so wie er sie erzählt, auf 10 Minuten gerafft, hätte sie spannend sein können. Olderdissen lässt einen Mann mit zwei Strichern ins Grüne fahren. Dummerweise bleibt der Wagen stecken und sie verlaufen sich im Wald, wo sie nun eine Nacht miteinander verbringen müssen. "Work it out", ein 4-Minüter, kommt aus Australien und entstand unter der Regie von Kim Vaitiekus. Dieser kleine Film, der Automechanikern in einer KFZ-Werkstatt über die Schultern schaut, hat mit Sicherheit zu jenem Snickers-Werbespot aus dem Jahr 2006 animiert, der in den USA von der Firma Mars ganz schnell wieder zurückgepfiffen werden musste, weil er beim Super-Bowl einen mittleren Skandal ausgelöst hatte.

Kurzfilme sind und bleiben ein eigenständiges Filmgenre, das nicht nur neue Trends, Formen und Erzählweisen hervorbringt, sondern auch jungen Talenten genügend Spielraum bietet, sich auszuprobieren, deshalb ist für die Filmfans unter Euch "Bugcrush" und "Baby Shark" ein Muss.

VÖ: 27.11.2007, Salzgeber Gayclassics

D, USA, AU, F 2005 - 2006,
83 Min, FSK 16